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gegen Krieg

Kann Kunst helfen? – Zwischen Wandzeitung und »Terror«-Liste: Die 7. Berlin Biennale fordert: »Forget Fear«

Artikel aus der Jungen Welt
Von Matthias Reichelt
http://www.jungewelt.de/2012/05-10/007.phpDie Kunst hat die Welt hinreichend kommentiert, es kommt darauf sie zu verändern«, könnte man in Anlehnung an Marx und im Geiste von Artur Zmijewski formulieren, der zusammen mit Joanna Warsza und dem russischen Künstlerkollektiv »Voina« (Krieg) die 7. Berlin Biennale leitet. Die weltpolitische Diagnose fällt bei dem polnischen Künstler und Kurator Zmijewski düster aus, gilt auch für die Kunst. »Kunst handelt nicht und funktioniert nicht«, schreibt er im Vorwort der Biennale-Publikation und stellt die Frage, wie Kunst helfen könne, die »Realität performativ zu gestalten«. Denn die offizielle Politik hat das Vertrauen verspielt. Banken und Global Player diktieren die Politik. Der einzige Hoffnungsschimmer sind außerparlamentarische Bewegungen, wie zum Beispiel »Occupy«.

Den »Occupy«-Leuten räumt die Biennale viel Raum ein. Bei der Eröffnung Ende April wurden den »Occupy«-Aktivisten die Pressekonferenz überlassen, auf der sie ein globalisierungskritisches Manifest verlasen und die anwesenden Journalisten baten, sich zu positionieren. Das Ganze hatte den Touch einer Uni-Hauptversammlung zu Sponti-Zeiten.

Die ästhetische Form der 7. Berlin Biennale oszilliert dann auch zwischen Wandzeitung, Infostand, interaktivem Happening, Videopräsentation und vielen Diskussionsveranstaltungen. Joseph Beuys hätte seine pure Freude gehabt, aber die taz verspürte »körperliches Unwohlsein« und diagnostizierte die »Selbstabschaffung der Kunst«, während der Cicero eine »Salatbar des Protests« erkennt, die FAZ die Biennale als »Politkitsch« wertet und Zeit und Süddeutsche Zeitung enerviert abwinken. Der Übergang von künstlerischen Aktionen hin zu politischer Praxis von »Bürgerinitiativen« ist fließend. In der Tat bietet der Gang durch die international renommierte Biennale dieses Mal kaum die bildungsbürgerliche Katharsis, sich mittels kritischer Kunst mit den Problemen der Welt befaßt zu haben, um anschließend in den BMW zu steigen und ins nächste Restaurant zu fahren. Diskursive Prozesse sollen in Gang gesetzt werden und in Aktionen münden, um so Realität zu gestalten.

Die Kuratoren gaben der Biennale das Motto »Forget Fear«. Obwohl der Kunstraum schon lange ein Forum für Kapitalismuskritik ist, drehen Artur Zmijewski und Kollegen die Schraube noch weiter und öffnen den Kunstkontext für alle möglichen Aktivitäten. Statt Künstler und Künstlerinnen in den Studios aufzusuchen, hatte Zmijewski Ende 2010 dazu aufgerufen, Arbeiten, Ideen, Projekte und Konzepte einzureichen. Nahezu 5000 internationale Künstler sowie Künstlergruppen meldeten sich. Sie sind nun in einem ArtWiki online verzeichnet und konnten ihre Daten dort selber verwalten, sogar die Kreuzberger »Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration« wurde so inkorporiert. Der niederländische Künstler Jonas Staal lud die Vertreter von Organisationen, die auf internationalen Terrorlisten aufgeführt sind, zu einem Gipfel Anfang Mai in die Sophiensäle ein. Staal stellt damit die Parameter auf den Prüfstand, die für die Definition von Terrorismus angewandt und je nach Opportunität fallengelassen werden. Erinnern muß man an den häufigen Paradigmenwechsel in diesem Bereich, der z.B. auch den ANC als Terrororganisation führte. Selbst Nelson Mandela war bis 2008 in den USA auf einer Liste »internationaler Terroristen« verzeichnet.

Die russische Künstlerin und Aktivistin Anna Jermolajewa organisiert mit Srda Popovic, Gründer des »Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies« (CANVAS), einen Workshop über Formen des gewaltfreien Widerstands. Und Nada Prlja hat auf Höhe der Friedrichstraße 226 eine neue Mauer errichtet, um damit symbolisch die ökonomische Spaltung der Stadt zwischen dem sozialen Brennpunkt der südlichen Friedrichstadt und der nördlich gelegenen Shoppingmeile zu markieren. Der von Pawel Althammer initiierte Kongress der Zeichner in der Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße lädt alle Interessierten ein, zeichnerisch Stellung zu beziehen und den weißen Wänden ihren Stempel aufzudrücken. Tímea Junghaus, die ungarische Kunsthistorikerin und Roma-Aktivistin, hat für den 2. Juni die Roma-Ältesten (aus verschiedenen Ländern) für eine Zusammenkunft vor dem bislang immer noch nicht fertiggestellten »für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma« zwischen Bundestag und Brandenburger Tor einberufen. Sie werden vor der Baustelle gegen die Ignoranz in Politik und Gesellschaft gegenüber dem Schicksal der Roma und Sinti protestieren und versuchen, »das Gedenken an die Opfer unter Sinti und Roma ins kollektive Gedächtnis einzumeißeln«, wie es im Aufruf heißt.

Einige Künstler starteten ihre Projekte lange vor der Biennale. »Kunst hieß vor 1968, mal etwas Schönes herstellen!« Dieser Kommentar findet sich auf der Netzseite der Berlin Biennale als Reaktion auf den am 12. Januar lancierten Aufruf des tschechischen Künstlers Martin Zet unter dem Motto »Deutschland schafft es ab«. Er bat um Abgabe des Sarrazin-Buchs bei Sammelstellen, um es zu recyceln. Auch wenn dem kaum Leute folgten, so löste Zet eine erbitterte Debatte aus. Ihm wurde gar vorgeworfen, er wolle eine neue Bücherverbrennung durchführen. Wie ein geschickter PR-Effekt hatte die Biennale damit bereits im Vorfeld mit Aplomb auf sich aufmerksam gemacht. Auch der palästinensische Künstler Khaled Jarrar hatte seinen Stempel für einen antizipierten »State of Palastine« bereits im letzten Jahr als Vorgriff zur Biennale am Checkpoint Charly in viele Pässe gedrückt. Jetzt schmückt das Staatssignet eine Wand in den Kunst-Werken, es gibt Briefmarken der Post AG des zukünftigen Staates Palästina zu kaufen.

Ob Netzfreiheit, erneuerbare Energie, Umverteilung des Reichtums, der Konflikt zwischen Palästina und Israel, Spekulation mit Nahrungsmitteln, die Diktatur der Drogenbosse in Kolum­bien – fündig wird man bei der Biennale in jedem Fall. Und das ist vielleicht das größte Problem, etwas mehr thematische Stringenz hätte ihr gut getan. Doch die Biennale drängt zur Positionierung und provoziert die Frage nach der eigenen Rolle in den Konflikten der heutigen Gesellschaft. In Anlehnung an die legendäre Ausstellung von Harald Szeemann im Jahr 1969 könnte man nun formulieren: »When Attitude Becomes Art«.

Bis 1.7., http://www.berlinbiennale.de

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