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gegen Krieg

Inszenierung und Ästhetisierung der Gewalt beim NSU-Prozess Der Fall Beate Zschäpe, die Nazifrau

Die militärischen Aktivitäten und die ideologische Mordserie des nationalsozialistischen Untergrundes und seiner Kameradin Beate Zschäpe, einer mutmaßlichen Täterin, werden teilweise bei der Berichterstattung durch ihre modische Erscheinung beim NSU-Prozess in München verschleiert. Manche Medien inszenieren und ästhetisieren sie. Dadurch wird die Rolle der Frauen in rechtsradikalen Organisationen verharmlost und minimiert. z.B. Gisela Friedrichsen vom „Spiegel“ aus dem Gerichtssaal:
„Zweiter Prozesstag, 9:45: Die Blitzlichter flammen auf. Beate Zschäpe, mutmaßliche Täterin, diesmal im hellgrauen Hosenanzug und mit Pferdeschwanz. Nein, wie eine Nazibraut sieht sie wirklich nicht aus“…“Sie wirkt charmant, ihre Gesten, die Augenaufschläge, ihre geschmeidige Körpersprache. Das ist kein dumpf-trübes Mauerblümchen.“
In den ARD-Nachrichten sagte Emija Simsek, Tochter des NSU-Opfers Enver Simsek, „Beate Zschäpe hat mir zwei bis drei Sekunden lang in die Augen geschaut, man sah keine Reue, es war provokant.“ Leider blieb dies im Spiegel-Bericht unerwähnt, so daß man die Situation nicht besser versteht.
Affektive Kommunikation  unterliegt nicht der willentlichen Entscheidung eines Menschen, sondern es handelt sich um spontane, unbewusste Reaktionen. Dazu zählen Gestik, Mimik und Augenspiele im Gegensatz zur Symbolischen Kommunikation.
„Wie sollte eigentlich eine Nazifrau aussehen? Hat die mörderische Ideologie etwas mit dem Aussehen zu tun? Nehmen wir die weltberühmte Modemacherin Coco Chanel als Beispiel, eine kleine, zarte Französin, 1943: Coco schmiedet einen bizarren Plan mit dem Decknamen „Operation Modellhut“ für ein Friedensabkommen zwischen England und Deutschland. Sie versuchte Kontakt zu Churchill aufzunehmen und reiste nach Berlin, wo sie heimlich Gespräche mit ranghohen Nationalsozialisten, darunter auch Walter Schellenberg, führte“.
Die literarische und poetische Darstellung dieser mutmaßlichen Terroristin ist die Inszenierung einer Frau, die in Wirklichkeit Anfang  Vierzig ist, eine große viereckige Gleitsichtbrille trägt (was sie an den Verhandlungstagen vermeidet, ersetzt wahrscheinlich durch Haftschalen), mit Tränensäcken, sie sieht auffällig blass aus und hat tiefe Lachfalten.
Die Wirkung der Inszenierung auf die Gesellschaft muss aus soziologischer Sicht betrachtet werden. Und auch ein historischer Blick auf die Art der Inszenierung im Dritten Reich hilft, um das Geschehene besser zu verstehen: Hitler, der Massenmörder, der im wirklichen Leben ein muffiger Mann mit dünnem Haar und fauler Haut war, wurde auf Fotos anders und prachtvoller präsentiert als er war. Dies bestätigt auch sein Leibfotograf  Walter Frenz. „Wie soll die Angeklagte sich anziehen?“ fragte G. Friedrichsen am dritten Verhandlungstag. Bei diesem Prozess geht es nicht um eine allgemeine Frage. Beate Zschäpe, mutmaßliche Täterin, die sich in den letzten 20 Jahren durch kollektive Unterstützung ein wohlhabendes Leben leisten konnte, weiß genau, was sie macht und freut sich auf solche Berichterstattungen.
1933 formulierte die Ehrenvorsitzende des Deutschen Modeamtes, die Ehefrau des Propagandaministers Josef Goebbels, ihre Vorstellung von der Rolle der deutschen Frau und den Formen der  der deutschen Mode: „Ich halte es für meine Pflicht, so schön auszusehen wie ich kann. Ich will auch in dieser Beziehung auf die deutschen Frauen wirken. (…) Die Männer sind sehr männlich in Deutschland und daher müssen die Frauen so weiblich sein wie nur irgend möglich. Die deutsche Frau der Zukunft soll schick sein, schön und klug. Der Gretchentyp ist endlich überwunden.“ “

Grundlage der gesellschaftlichen Funktion von Mode ist die Tatsache, daß es sich bei dem Menschen aufgrund seiner Biologie um ein Gemeinschaftswesen handelt, das in seinem Tun in eine Gesellschaft eingebunden ist. Dabei hebt sich der Mensch dadurch hervor, daß er seine Umwelt gestaltet und auch sich selbst. Er beeinflusst also seine Lebensbedingungen, er bringt Kulturen hervor und bildet Gemeinschaften und Identitäten, denen er vor sich selbst und vor anderen seinen Stempel aufdrückt. Die Gemeinschaft hat dabei vor allem auch praktische Zwecke, da sie uns Sicherheit für unsere Lebensgrundlagen bietet, und Gelegenheit, Dinge zu erreichen, die wir als Einzelwesen nie erlangen könnten.
Hier ist gut zu bemerken, daß Beate Zschäpe mit neutralen Farben wie einer weißen Bluse oder einem grauen Anzug die Stimmung ausnutzt. Es wird sogar von „Spiegel“ kommentiert: „Das ist kein dumpf-trübes Mauerblümchen“.
„ Die Ideologie sollte im Reich die modische Linie bestimmen, vor allem in Totalen Krieg“[ii] vertrat der Propagandaminister Josef Goebbels, der sich selbst  mit feiner Haut Couture-Ware beliefern ließ, und der für jeden Tag im Jahr einen Anzug hatte. „“ der Propagandaminister hüllt sich stets in cremefarbene Seidenhemden, anstelle des vorschriftsmäßigen Braunhemdes, und das auch in Kombination zur Parteiuniform, an der überhaupt nur das Braun von Rock und Schlips den Vorschriften entsprach. Statt Brauner Stiefelhose und „Langschäftige“ bevorzugte der Klumpfüßige eine Frackhose mit seidenem Galon und Lackschnürschuhe.“
Hitler, der Massenmörder selbst, kommentierte seine Haltung zum Mode wie folgt: „Man soll nicht nun plötzlich in der Kleidung bis in das Steinzeitalter zurückkehren (Beifall): man soll jetzt da bleiben, wo wir nun einmal sind. (…) Eine Bluse kann ja auch einen schönen Schnitt haben. Warum soll ein Mädel, das einmal gerne gut  angezogen sein will, warum soll ich denn der das schwer machen, ist denn das wirklich so etwas Abscheuliches, wenn sie hübsch aussieht? Sind wir doch ehrlich, wir sehen‘s doch alle ganz gern. (Beifall) ich glaube also, daß wir aber gerade, indem wir den Frauen hier entgegenkommen, daß wir sie dann von vornherein auf das natürliche Gebiet hinlenken, auf das sie nun gehören. „
Von der modernen Barbarei zurück zum Berichterstattung zum NSU-Prozess.
Compact Magazin veröffentlicht  am Mai 2013 ein altes Foto aus der Jugendzeit von Beate Zschäpe, auf dem sie als junges hübsches Mädchen zwischen ihren beiden Männern in einem Konzert zu sehen ist, mit dem Titel: „ allein unter Wölfen“. Das ist eine bewusste Verachtung der Frauenrolle in der nationalsozialistischen Geschichte, in der sie als Geliebte, Freundin, Ehefrau, Sekretärin (und ähnliche Begriffe) Mittäterin waren und logistische Unterstützungen sogar auch noch nach dem Krieg als Fluchthelferinnen für Nazi-Mörder geleistet haben.
Warum ausgerechnet dieses Foto? Ist die Täterin nicht 20 Jahr älter? Ist Verschönung der Nazifrau oder Anspielung auf wachsende Rechtsradikale Aktivitäten bei jugendliche in Deutschland?
Spiegel Online 14-11.2011 schrieb: “… wird vermutet, dass  B. Zschäpe auf keinen Fall die Morde und Banküberfälle begannen habe, sondern diese von den beiden männlichen Tat verdächtigten verübt worden seien.“ Hier wird eine berechtigte Frage in von Prof. Michaela König und Rena Kenzo gestellt: „wie kommen die Verfasserinnen der Artikel zu diesen Aussagen, obwohl die Verdächtigte schweigt und bisher offiziell keine Ermittlungsergebnisse bekannt gegeben worden sind?“
Wir wollen wissen, wie das möglich war und wie es dazu kommen konnte. Wäre es zu verhindern gewesen?
Ästhetisierung der Politik führt nicht zu Entlarven von Verbrechen, die Öffentlichkeit erwartet die Aufklärung.

Die Autorin ist: Nasrin Parsa

Filmemacherin „Marionette der Geheimdienste“ Babylon Kino, Berlin 2013
Buchautorin: „Terroristen oder Geheimdienstmarionetten?“ Zambon Verl. 2006
Publizistin, Mediensoziologin, Journalistin, Berlin

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